Probearbeiten

schweinchen2

Im Laufe des Jahres habe ich mir gut 10 Höfe angesehen. Auf drei Demeter-Höfen konnte ich in den Arbeitsalltag hineinschnuppern. Das allein bereicherte mich schon um einige wertvolle Erfahrungen.

Es ist also morgens um kurz nach 6 Uhr und ich stehe knöcheltief in Kuhscheiße – zum Glück hat mir meine Mitbewohnerin Stiefel geliehen.

Meine Aufgabe ist es, zuerst mit der Mistgabel verschmutztes Stroh von den Liegebuchten der Milchkühe zu entfernen und das Stroh, das noch gut ist, hoch zu schieben. So dass zwischen Stroh und dem jeweiligen Ende der Liegebuchten, die etwas erhöht sind, ca. 1 Meter Platz entsteht. Dieser Platz wird in einem zweiten Arbeitsgang dann mit einem Schaber nochmal blitzeblank geschabt, so dass alles dreckige und feuchte runter kommt. In einem vorletzen Arbeitsgang wird dieser blanke Meter nun gekalkt, das wirkt antibaktierell und im letzten Schritt wird dann wieder Stroh auf der gesamten Liegefläche verteilt. Das ist die tägliche Morgenroutine im Kuhstall. Das ganze sieht dann so hübsch und kuschelig aus, dass ich mich glatt selbst drauf legen und etwas verschnaufen könnte. Denn bereits seit dem ersten Tag brennt mir jeder Muskel im Körper. Obwohl ich schon auf zwei anderen Höfen war und schon einiges erfahren habe, ist dieser Einsatz hier das anstrengendste, was ich je getan hab!!! Immer gibt es was zu fegen, kratzen, harken, tragen, schippen, verteilen.. . Arbeitsgeräte wie die Mistgabel in allen Ausführungsformen, Besen,Schippe und Schubkarre werden zur natürlichen Ergänzung meines Körpers, der ansonsten jede freie Minute am liebsten im Bett verbringt.

Und gleichzeitig – zum Glück – ist es auch immer noch so erfüllend! Ich mag diese Tätigkeiten, die Wärme und die Neugier der Tiere, die Zusammenarbeit mit den anderen Menschen vom Hof, das meistens immer super gute, nahrhafte Essen frisch vom Hof und auch das Spüren meines Körpers. Es fühlt sich an, als würde er aus einem tiefen Winterschlaf erwachen. Und ich mag es, meine eigenen Grenzen auszutesten, z.B. mit den Tieren: wo wird mein Respekt vor großen Tieren zu Angst? Was kann ich allein bewältigen und wo muss ich jemanden um Hilfe bitten?

Als ich im Frühjahr in einer Gemüsegärtnerei arbeitete, ging ich mit einer Azubine früh morgens aufs Feld um Schwarzwurzeln auszugraben. In der Nacht zuvor gab es unter null Grad, so dass der Boden oberflächlich noch gefroren war. Es war ein klarer Tag und die Sonne schien hell in der noch eisigen Kälte. „Uns wird gleich warm“ schmunzelte mir die Azubine – eine echte Überzeugungstäterin ihres Fachs – zu. Sie fing mit der Grabegabel an, die festen, schweren Bodenschollen aufzubrechen. Ich kam mit der Kiste hinterher und klopfte die begehrten Stücke aus den Schollen heraus. Wir arbeiten uns so recht mühsam durch den Acker, unterhielten uns nett, zwischenzeitlich versuchte ich mich ebenfalls daran, mal ein paar Schwarzwurzeln auszugraben, was mir nicht sonderlich gut gelang (sie dürfen ja auch nicht abbrechen und in der Erde stecken bleiben), als sie plötzlich innehielt, energisch in den Boden griff, etwas heraus holte, es in die nun gleißende Sonne hielt und sagte „Boaaahh, ist die riesig!! Hast du schon einmal so eine große Schwarzwurzel gesehen?!“ Ich war völlig baff und begeistert, von ihrer Begeisterung über den geborgenen Bodenschatz. Toll, dachte ich, diese Begeisterung ist genau das, was ich liebe. Und sie ist ansteckend. Mir wurde bewusst, dass ich jetzt normalerweise im Büro sitzen würde. Doch so, bin ich draußen, sehe, wie der Tag anbricht, die Sonne sich ihren Weg über die sanften Hügel bahnt und buddel hier mit diesem begeisterten Mädel Schwarzwurzeln für eine Solidarische Landwirtschaft aus. Chhihi toll, ich war ganz beseelt und die körperlichen Strapazen waren für eine Weile vergessen..

Ein anderer schöner Moment war auf dem Hof mit besagtem Kuhstalldienst am Morgen. Eines Morgens sollte ich zwei anderen junge Menschen vom Hof helfen, zwei trocken gelegte Kühe – so nennt man Kühe, die bald ihr Kalb bekommen und deshalb keine Milch mehr geben – vom Stall auf die Weide zu treiben. Die Weg führte hinter den Hof auf einen Weg der voll mit Pfützen war und die an diesem Herbsttag erstmalig überfroren waren, durch den Wald an dem dann direkt die Weide grenzte. Eine Kuh entwischte uns kurzzeitig, doch die Melkerin verstand es leicht, sie wieder auf den Weg zu treiben. Die Weide, die direkt an den Wald grenze, war umgeben von Bäumen und hatte auch in ihrer Mitte eine kleine Baumgruppe, die nun ihr herbstlich buntes Kleid trugen. Die Sonne schien herrlich und mild und brachte das Rauhreif bedeckte Gras zum Glitzern. Ein herrlicher Anblick. Als die zwei Kühe die Weide betraten, wurden sie von anderen Kühen bemerkt, welche sofort Kurs auf die zwei Neuankömmlinge nahmen. Sie rannten regelrecht aufeinander zu. Sie balgten sich in der Baumgruppe und jagten sich dann noch einmal über die Weide. Ich bin immer wieder erstaunt, wie agil, schnell und kraftvoll die sonst oft träge und behäbig wirkenden Tiere sein können. Diese Gelegenheit zum Ausleben dieses Verhaltens haben sie glücklicher Weise in  Demeter-zertifizierten Betrieben.

Achja, das sind so Momente, für die sich alles lohnt. Auch wenn Balu, die pechschwarze Katze mit ihren Bernsteinfarbenen Augen sich im frischen Stroh der Kühe versteckt, den Milchmann ärgert, indem sie es sich auf der warmen Motorhaube seines Transporters gemütlich macht, der Hund die Katze ärgert, der Azubi dem Schwein ein Kunststück beibringt, ich eine Kartoffel in Herzform finde, ein Kalb geboren wird, ich zwischendurch in knackfrischen Salat direkt auf dem Feld beiße, die Sonne nach 3 Tagen grau in grau wieder freundlich scheint, ich die warmen Hörner der Kühe spüre, noch warme Eier aus dem Hühnermobil auflese, endlich Mittagspause ist und die Küchenfeen fantastisches Essen gezaubert haben, wir uns ansehen und wissen was zu tun ist, eine Kuh bei der Wellnesbürste total abgeht, ein Mitarbeiter ein Tier einfach nur interessiert beobachtet oder streichelt,..  – da geht mir das Herz auf.

Und es gibt auch die Momente, die schwer sind. Wo viele Tiere sind, wird auch viel gestorben. Entweder aus natürlichen Gründen, oder weil der Schlachtzeitpunkt erreicht ist. Zweiteres hatte ich bei meinen Aufenthalten nicht erlebt. Ich weiß daher noch nicht, was das mit mir macht. In der kurzen Zeit jedenfalls, in der ich auf den Höfen war, habe ich recht schnell eine Beziehung zu den Tieren aufgebaut. Und auch die Mitarbeiter haben meist eine zu ihnen. Auch können sich die Tiere verletzen – je mehr, umso höher die Wahrscheinlichkeit, mit Verletzungen und Krankheiten zu tun zu haben. Das fand ich schon recht hart. Die ausgebildeten Gesellen und Gesellinnen sind halbe Tierärzte. Ich hab nicht schlecht gestaunt, was die so alles machen und können. Von der Klauenpflege, zur Geburtshilfe bis in zur Wundversorgung – da komme ich definitiv an meine derzeitigen Grenzen. Ich kann das schon beim Menschen nicht und der kriegt für alles eine Betäubung. Ein Tier muss da meistens so durch. Ich habe aber auch festgestellt, je mehr ich damit zu tun habe, je mehr traue ich mir zu und um so normaler wurde das Geschehen auf dem Hof.

 

 

 

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “Probearbeiten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s