Wie meditieren zum Bedürfnis wurde und was es mir bringt

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Als ich mitten in der Krise steckte, irgendwann im Herbst 2015, suchte ich nach etwas, das mir Halt gibt, das meine immerfort rasenden Gedanken im Kopf Einhalt gebietet und mich irgendwie zur Ruhe und zu mir selbst kommen lässt.

Ich hatte schon als Jugendliche Erfahrungen in einem buddhistischen Kloster sammeln können und erinnerte mich nun an diese Zeit. Da war so eine Stille, ein schönes Sein, ein Gefühl von Einklang.. . So etwas wollte ich wieder haben.

Ich wusste schon länger, dass es irgendwann Zeit sein wird, mich  eingehender mit Meditation zu beschäftigen (zu diesem Gedanken führte u.a. das Buch „Achterbahn der Stille“ von Teresa Heidegger). So bemühte ich das Internet und suchte in meiner Stadt nach Möglichkeiten. Ich stieß auf Meditation in der Tradition des Zen Mönchs Thich Nhat Hanh, der die Achtsamkeitspraxis in der westlichen Welt populär machte. Ich hatte schon viel von ihm gehört und die Achtsamkeitspraxis war mir ohnehin per se sehr sympathisch.

So meldete ich mich zunächst bei einem Kurs in der Volkshochschule an, um es einmal von Grund auf zu lernen. Hatte ich vor dem Kurs immer die Vorstellung, meditieren sei nur stilles Dasitzen, lernte ich nun nach und nach die Vielfältigkeit dieser Art des Innehaltens kennen: wir praktizierten in einer kleinen Gruppe neben dem geführten und stillen Meditieren im Sitzen auch Gehmeditation, liegende Meditation und achtsame, meditative Körperübungen. Auch Teemeditation lernte ich kennen und das Internet scheint schier unerschöpflich an geführten Meditationen (ich nutze youtube und soundcloud). Ich stellte fest, dass für jede Gemütslage etwas für mich dabei ist.

Zuhause allein zu meditieren, fiel mir zu Anfang unglaublich schwer. Ich konnte mich oftmals nicht dazu überwinden – das ist das richtige Wort, denn es kostete mich viel Überwindung, alte, oftmals schlechte Gewohnheiten gegen diese neue auszutauschen. Zum Beispiel hatte ich oft an Tagen, an denen ich nach der Arbeit nichts vorhatte, nach dem Heimkommen den Rest des Abends vor dem Fernseher verbracht und dabei gegessen. Zwar konsumierte ich meist nur Sendungen und Dokumentationen von Sendern wie arte, Phönix und 3sat, aber es war oft die Dauer des Fernsehens sowie die Menge und Art des Essens (Süßigkeiten und Eiscreme) bei denen ich einsehen musste, dass diese mir schadeten und ich offensichtlich etwas kompensierte, das mir fehlte.

Stattdessen nahm ich mir nun also vor, zu meditieren, um wenigstens anzukommen, bevor ich mich mit weiteren Sinneseindrücken und Informationen regelrecht zu dröhnte. Ohje, aber war das hart. Ich scheute das Meditationskissen regelrecht. Geholfen hat mir dann, erst einmal etwas zu machen, das mich quasi einstimmte: zum Beispiel zu Musik, die mir gerade gefällt, zu tanzen, oder auch mitzusingen. Zu Musik achtsam durchs Zimmer gehen, oder sonst wie bewegen. Und immer wieder mitsingen. Schon gut ein Jahr vorher begann ich, regelmäßig Yoga zu machen und kannte daher ein paar Mantras. Sie zu singen ließ mich am ehesten ruhiger werden bzw. stärkten sie das Gefühl, dass ich jetzt gern als nächstes in Stille sitzen möchte, um meinen Atem oder Gedanken oder Gefühle oder alles gleichzeitig zu beobachten. Auch das regelmäßige Besuchen des Kurses half mir, dran zu bleiben. Dort meditierten wir nicht nur, sondern tauschten uns auch in unseren Erfahrungen aus. Und ich empfinde es immer gleichermaßen tröstlich wie stärkend zu erleben, dass ich nicht allein mit den als unzählig empfundenen inneren Kämpfen und Rückschlägen bin. (Das ist übrigens auch einer der Antriebe für diesen Blog: dass interessierte Lese ggf. erfahren,  auf ihrem Weg nicht allein zu sein.)

Es dauerte fast ein Jahr bis es dazu kam, dass ich durchschnittlich an 5 Tagen die Woche meditiere, einfach weil ich es „brauche“. Tue ich es länger als 3 Tage nicht, fehlt mir etwas. Ich werde dann fahriger, fühle mich unausgeglichener, kann schlechter zuhören und unterliege eher meinen Launen als mit regelmäßiger Meditation.

Regelmäßige Besuche bei Seminaren, Retreats und Austausch mit anderen halfen und helfen mir dabei, mehr über Meditation zu lernen und animieren zum Ausprobieren. Und so meditiere ich nicht nur zuhause, sondern auch wenn ich irgendwo zu Besuch bin oder auf einem Seminar, das vielleicht grad mal nicht Meditation zum Inhalt hat. Besonders spannend ist es auch, in freier Natur zu meditieren – meist kombiniere ich es wenn möglich auch mit Yoga.

Manchmal klappt das mit dem wertfreien Beobachten der Gedanken, des Atems und /oder der Gefühle auch nicht so gut. Stattdessen, kommt es zu einer Art tiefen Austausch mit mir selbst, in dem ich Dinge, die gerade anstehen, quasi innerlich ausdiskutiere und / oder Vergangenes verarbeite. Das ist mein derzeitiges Verständnis von Kontemplation. Das hat mir schon oft geholfen, in gewissen Dingen Entscheidungen zu treffen und voran zu kommen  – einfach durchs sich Zeit nehmen und konstruktivem drüber nachdenken – immer unter Zuhilfenahme der Herzenskräfte / -wünsche.

Es erstaunt und erfreut mich immer wieder, wie vielfältig, stützend und sogar heilend diese Tätigkeit ist. Und dass ich dafür nichts brauche. Außer Zeit.

 

Bild: (c) outdoorschoko, aufgenommen in Berlin, Wuhlheide, Oktober 2016

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