andere Reisende

Wenn ich unterwegs bin, kann ich es manchmal kaum erwarten, auf andere Tourenradler zu treffen und ihre Geschichten zu hören. Neben den Standardfragen von „woher“ und „wohin“ interessiert es mich auch immer zu erfahren, mit welcher Motivation Mitradelnde zu ihrer Reise aufgebrochen sind.

Die erste längere Begegnung hatte ich in Dänemark. Ich erklomm gerade einen kleinen Hügel hinter dem Ort Orslev auf der Insel Seenland. Schon von Weitem erkannte ich, dass da jemand am Straßenrand rumhantierte.. 

Der weiße Helm verriet, dass es sich um einen Radfahrer handeln musste. Ich näherte mich dem Geschehen und erkannte, dass ein Radler offenbar den Reifen eines Anhängers reparierte. Er brauchte keine Hilfe, dennoch blieb ich bei ihm und wir kamen ins Gespräch. So lernte ich Thomas und Fiona aus der Schweiz kennen. Fiona ist eine kleine schwarze Pudelhündin, die im Anhänger mitfuhr. Sie hüpfte kurz hinaus um mich und ein paar Grashalme um ihren Anhänger herum, der nun aufgrund eines fehlenden Rades reichlich schief stand, zu beschnuppern und hüpfte dann wieder hinein um das Geschehen von ihrem Kissen aus zu beäugen. Sie erinnerte mich an eine kleine Prinzessin auf einer Sänfte, was ich ausnahmsweise sehr niedlich und entzückend fand.

Thomas und ich fahren den Rest des Nachmittages zusammen. Wir sind ein richtiges Gespann! Es gefällt mir sehr, nach fast einer Woche mit einem anderen Reiseradler die Straße zu erobern. Fiona in ihrem Anhänger macht das Ganze für mich nochmal besonders. Thomas ist in der Schweiz gestartet und will bis nach Norwegen und wieder zurück. Seine Ausstattung ist hochmodern und äußerst hochwertig, sein Lenker sieht durch das Navigationssystem und den Fahrradcomputer aus wie ein Cockpit. Mein Rad samt Ausrüstung wird bei diesem Vergleich der Bezeichnung „Drahtesel“ plötzlich sehr gerecht. Wir reden nicht all zu viel, da wir meist direkt hintereinander fahren müssen. Wir genießen die gemeinsame Fahrt und erfreuen uns gleichmaßen an Landschaft und Sonnenstrahlen. Bei Feddet will Thomas auf dem dortigen Campingplatz übernachten. Durch seine Hündin sucht er immer schon eins, zwei Tage im Voraus nach Übernachtungsmöglichkeiten. Mich treibt es jedoch noch weiter und so verabschieden wir uns ohne dass ich all meine Fragen stellen konnte, aber die Zeit war noch nicht reif. Wir tauschten Emailadressen aus und blieben eine Weile in Kontakt da eventuell die Chance bestand, in Kopenhagen wieder aufeinander zutreffen. Trotz eines Pausentags in Kopenhagen, holte mich Thomas jedoch nicht mehr ein, da er ebenfalls eine  Pause, jedoch von mehreren Tagen, in Dänemarks Hauptstadt einlegte.

In Helsingör wollte ich von Dänemark mit der Fähre nach Helsingborg in Schweden übersetzen. Hier traf ich Kaspar aus der Nähe von Kopenhagen, der sich über das Wochenende eine Auszeit in schwedischer Wildnis gönnen wollte. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch keine genaue Routenplanung für Schweden hatte, ließ ich mich von seinen Erfahrungen inspirieren und entschied mich spontan, der Westküste Schwedens zu folgen und zunächst zur Halbinsel Kullen, welche zum Teil ein sehr schönes Naturreservat ist, zu fahren. Kaspar wusste so „gut“ über die Fährüberfahrt Bescheid, dass wir gerade noch rechtzeitig zu unseren Rädern, die direkt an der Ausfahrtsschranke lehnten, kamen, bevor die Schranke hochging! Als wir die Fähre verließen bot er mir an, mich vom Hafen in die Stadt zu lotsen, was ich dankbar annahm. Wir musste beide ein paar Wege erledigen und dabei fuhren wir quasi in James hinein: James ist ein in Australien lebender Neuseeländer, der seine Tour in Rom gestartet hat! Wow, ich bin beeindruckt. Während Kaspar sich verabschiedete, setzten James und ich den Weg zusammen fort, da er ebenfalls entlang der Küste – des Radfernweges „Kattegatleden“ – in Richtung Norden unterwegs war. Sein Ziel war Bergen in Norwegen und als Zwischenziel Oslo. Er zeigte sich sehr redselig und erzählte mir bald, dass er „between jobs“ sei, also gerade einen Job beendet hatte und nun auf der Suche nach etwas Neuem. Er arbeitete in Australien als Physiotherapeut und wollte danach etwas anders machen. Was genau wusste er noch nicht. Dafür war, unter anderem, die Tour da.

Irgendwo außerhalb von Helsingborg trafen wir auf Tony aus Guatemala und Aurélia aus Lyon. Die beiden hatte ich bereits in Kopenhagen in einem Geschäft für Karten gesehen! Wir erkannten uns wieder und freuten uns, dass wir uns nun doch noch kennenlernten, da wir uns in dem Kartenladen nicht als Radler erkannt haben (wir waren dort in „zivil“). Tony hatte gerade seinen auf 2 Jahre befristeten Job in Berlin beendet und wollte nun noch etwas von Europa sehen, bevor er nach Guatemala zurück geht. Es war seine erste Radtour und gezeltet hatte er auch seit seiner Kindheit nicht mehr, woran er sich sehr erfreute, dies wiederentdeckt zu haben. Am meisten beeindruckt hatte mich jedoch Aurélia: Sie ist in ihrer Heimatstadt Lyon in Frankreich gestartet und hatte an dem Tag, an dem wir uns trafen, bereits 2.500 km weg! Wow! Sie fuhr ein uraltes Randonneur (ein Rennrad, das für längere Touren mit Gepäck ausgelegt ist). Als ich sie darauf ansprach erzählte sie mir, dass das das Rad ihrer Großmutter sei. Offenbar hält sie es originalgetreu in Stand – ein echtes Unikat! Bei so viel Leidenschaft stellte sich bei mir schnell ein großes Maß an Sympathie ein. 🙂 Sie arbeitet als Grafikdesignerin und braucht dafür lediglich Laptop und Internet, was ihr das Arbeiten von fast überall in der Welt ermöglicht. Entsprechend viel herumgekommen ist sie schon. Sie radelte ebenfalls nach Oslo um dann von dort über Dänemark nach Island zu fahren, um auch diese Insel mit dem Rad zu umrunden. Aurélia, du hast mich sehr beeindruckt! 😀

Eine Weile fahren wir an diesem sonnigen Nachmittag also zu viert – taufen uns spontan „international cycling gang“, haben schöne Gespräche und genießen die vorbeiziehende Landschaft auch mal in Stille. Bei kleineren Abfahrten weht uns bei 40 km/h der Wind um die Ohren.

~ Lachen und Augenblicke, Anhalten und Innehalten, Begegnung und Sympathie, Gemeinsam und jeder für sich, Sonne und Wind, Verstehen mit und ohne Worte ~

Ich hätte gern noch mehr erfahren, aber mein Herz wollte an einem sonnigen Strand zunächst in Schweden ankommen, immerhin war es schon acht Uhr abends und ich hatte innerhalb einer Woche das dritte Land meiner Tour erreicht.Tony und Aurélia wollten zu einem Fest in einer Stadt, die für mich noch viel zu weit entfernt war – um diese Jahreszeit wird es kaum mehr dunkel in Schweden. Und so verabschiedeten wir  uns voneinander und die beiden radelten weiter .

 

Während ich die beiden verabschiede, quatscht James schon den nächsten Radelkumpanen an, der auf dem auserwählten Zeltplatz gerade sein Nachtlager aufbaut: Davide aus Italien. Er ist in Mailand gestartet und will bis zum Nordkapp. Er ist Koch und ebenfalls in einer großen Umbruchsphase. Er sieht für sich keine Zukunft mehr in seiner Heimat und möchte gern in ein anderes europäisches Land auswandern. Vielleicht nach Amsterdam in den Niederlanden, dort wohnt bereits seine Schwester. Dort fährt er auch hin, wenn er am Nordkapp war. Natürlich mit dem Rad. Vom Nordkapp aus. Die Radtour soll ihm jedenfalls Klarheit und/oder Inspiration für seinen weiteren Weg bringen. Hach.. seufz.

Davide kocht für uns an diesem Abend die beste Hühner-Nudel-Suppe, die ich je in meinem Leben gegessen habe – James pflichtet mir bei, oder ich ihm, ich weiß nicht mehr, wer mit dem Schwärmen anfing. Wir genießen sie zu dritt am Strand sitzend, wo das Wasser des Kattegats an diesem Abend still und glatt wie ein Seidentuch vor uns liegt und die Sonne sich in allen Rot und Orangetönen und in Zeitlupe dem Horizont nähert. Davide hat Musik an, wir schwelgen in unseren kleinen Köstlichekeiten, die jeder an diesem Abend dabei hat und mit den anderen teilt und genießen das Naturschauspiel aus Farben, Wolken, Wasser und Licht.  „That’s so much better than TV!!“ – Das ist so viel besser als Fernsehen, da sind wir uns einig. Wir sind so erfüllt, dass es kaum mehr etwas zu sagen gibt. Einfach nur Dasein, Fühlen, Freuen.

Am nächsten Morgen brechen wir zu dritt auf. Das Wetter ist einfach herrlich. Die beiden Jungs lassen sich auf meine Intuition ein und so fahren wir den unbefestigten Weg, der direkt an der Küste liegt und nicht den offiziellen Radweg, der oft direkt neben der Straße entlang führt. Immer wieder sind wir überwältigt von der Schönheit und immer mal wieder fehlt einer, weil er angehalten hat um Bilder zu machen. „That’s toooo beautiful!!“ – „Das ist einfach zuu schön!!“ Manchmal reichen Worte nicht aus. Wir sind meist allein, durchradeln kleinste, hübsche und buntblühende Dörfer mit für Schweden typischen roten Holzhäusern. Aber am meisten berührt uns die Weite des Meeres, das sich hinter dem felsigen aber auch saftig grünen Ufer mit seinen bunten Blumen erstreckt. Es tut mir gut, mit den Jungs zusammen unterwegs zu sein. Ich freue mich immer wieder über die Verbindung die in kurzer Zeit zu Menschen entsteht, die sich für das gleiche Reisemittel entschieden haben und die entsteht, egal woher sie kommen.

Davide und James könnten unterschiedlicher kaum sein. James ist sich dessen sehr bewusst und begegnet den Unterschieden mit Humor: „Do you know what a clydesdale is? This is how I feel when I look at Davide!“ – „Weißt du was ein Clydesdale ist? So fühle ich mich, wenn ich Davide sehe!“ Ein Clydesdale (vielleicht war es auch eine andere Rasse) ist eine englische Zugpferdrasse, die man vor Kutschen etc. spannt. Der Vergleich lässt mich schmunzeln. Davide ist durchaus recht klein und schmal, hat also eine sehr ideale Radfahrerfigur. James hat breite Schultern und wirkt gerade im Vergleicht zu Davide eher stämmig. „I hate him for that!“ – „Ich hasse ihn dafür!“ setzt James mit einem Lachen noch nach, das mir verrät, dass er durchaus liebevoll auf den im Vergleich zu James sehr schüchternen Davide blickt. Auf meine Vermutung hin, dass James eher eine Figur für die neuseelandtypische Sportart Rugby habe, entgegnet er, dass er dafür wiederum zu schmächtig wäre und daher nicht lang diesem Sport nachgegangen ist. Was für ein Dilemma scherzen wir beide. Immerhin hat sich bei James die etwas paranoide Einstellung entwickelt, dass er nur Räder mit Stahlrahmen fahren kann, da er Angst hat, dass ein meist leichteres Aluminiumrad unter ihm früher oder später kaputt gehen würde. Immerhin erlaubt ihm seine Kraft, täglich Etappen von durchschnittlich 110 km zu fahren. Das ist ihm wichtig, da er schon Tickets für die Weiterreise gebucht hat. An dem Tag, an dem er mit mir gefahren ist, waren es „nur“ 70km. Er war behind schedule – hinter seinem Zeitplan. Nach meiner Tour schreibt er mir auf facebook, dass aber alles gut geklappt hat und er alle Fähren und Flieger bekommen hat.

Als wir in etwa die Mitte der Halbinsel Kullen erreichen, setze ich meinen Weg zum Nationalpark fort, während Davide und James weiter dem offiziellen Radweg des Kattegatleden nach Norden folgen. Es fällt mir ein bisschen schwer mich zu verabschieden, aber ich habe die gemeinsamen Momente sehr genießen können und freue mich auch noch daran, wenn jeder wieder seiner eigenen Wege geht.

Am Abend des gleichen Tages kamen mir dann noch zwei sehr junge und sehr braungebtranne Mädels auf ihren Rädern entgegen. „Are you the German girl?“ riefen sie mir noch fahrend entgegen. Ob ich „das“ deutsche Mädel sei. Ja, ich komme aus Deutschland. „Heißt du irgendwas mit Bri..Brits..?“ „Ja, ich heiße Britta!“ Erstaunt lachte ich die beiden an, sie mussten Davide und James getroffen haben! Lustig, dass wir uns trafen, wo ich doch den ganzen Nachmittag auf irgendwelchen abgelegenen Wegen im Wald verbracht hatte! Sie kamen aus den Niederlanden und fuhren seit zwei Wochen durch Südschweden. Die Haare des Mädels, das mit mir die Konversation betreibt, waren wild und zu einem wuscheligen Zopf gebunden. Sie wirkte super natürlich und sehr selbstbewusst. Ihre schüchterne Freundin hingegen vermochte es kaum mir in die Augen zu sehen. Sie gaben mir ihre Karte von Smaland, das im Inneren Südschwedens liegt und wo ich als nächstes hinradeln wollte. Im Gegenzug gab ich ihnen meine letzte Banane, die sie ziemlich hungrig sofort vertilgten.

Ich liebe diese spontanen und meist internationalen Begegnungen. Gemeinsam ein Stück zu fahren, den Abend zusammen am Strand zu verbringen, zu kochen oder den Reifen zu flicken – hier spüre ich einmal mehr was es heißt, dass geteilte Freude doppelte Freude ist und geteiltes Leid halbes Leid. Wie schön, dass ich diese wunderbaren Menschen getroffen habe und auch einmal mehr erfahren habe, dass so einige Menschen den Umbruch in ihrem Leben wagen. 🙂

zu viert

Bild: (c) outdoorschoko, aufgenommen in Schweden, Juni 2016

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