Schmerz

wildcampspot sweden

Schmerzen gehören für mich auf Radreisen mit dazu. Ich könnte glatt ein kleines Büchlein darüber schreiben und würde es dann beispielsweise „fifty shades of pain“ nennen.

Auf der rein körperlichen Ebene offenbaren sich bei mir allein auf der Hamburg – Schweden -Radtour allerhand interessante Festellungen in dieser Hinsicht: Das linke Knie meldet sich bereits nach Kilometer 6. Echt jetzt?

Das liegt bestimmt an der Kombination von neuen Pedalen und Schuhen, erklärt der Verstand. Denn bei sich ständig wiederholenden Bewegungen machen kleinste Veränderungen viel aus. Bei Kilometer 20 kommt dann der Gedanke, dass ich vielleicht vorher nicht genug gefahren sei, was vom inneren Gerichtshof sofort verworfen wird. Kann nicht sein – lautet das Urteil. Seit dem Umzug fahre ich jeden Tag an die 14 km und zwei Wochen vorher bin ich an einem Wochenende über 120km gefahren. Fertig, Theorie wiederlegt.

Nach mehreren Tagen Fahrt und latent zunehmendem Schmerz, der schließlich das Zeitziel, Kopenhagen nach 6 Tagen zu erreichen, sogar in Frage stellt, meldet sich der innere Anteil der Selbstfürsorge und stellt den Antrag, die Möglichkeit der körperlichen Überforderung durch Gewicht des Gepäcks in Kombination mit den äußeren Änderungen am Gefährt einmal auf ihren Wahrscheinlichkeitswert hin zu überprüfen und ggf. geeignete Maßnahmen wie temporäres Fahrverbot einzuleiten. Nur seeehr widerwillig schaut sich der innere Gerichtshof diesen Antrag an. Stimmt ihm nach langem Zögern und einigen Diskussion mit den unterschiedlichsten Anteilen wie dem vernünftigen Eltern-Ich, dem inneren Kind, dem kleinen Arzt und dem mutigen, aber nicht naiven, Abenteuer schließlich zu. In Puttgarden auf Fehmarn fiel dann die Entscheidung, dass erst nach Dänemark übergesetzt wird, wenn am nächsten Morgen nach einer gründlichen körperlichen Eignungsprüfung und der Einhaltung diverser Vorsichtsmaßnahmen, wie z.B. einer festgelegten täglichen Maximaldistanz, zugestimmt wird. Jawoll, so wirds gemacht! Alle meine inneren Anteile können sich einigen. Jubelstimmung. Und am nächsten Morgen geht es tatsächlich nach Dänemark weiter.

Neben dem Knie, was für einen Radfahrer durchaus essentiell ist, stellen sich meiner Erfahrung nach besonders in den ersten Tagen auch gern Schulter- und Nackenschmerzen ein, bei zu wenig Dehnung und Ausgleichsbewegung und ggf. auch Ernährung besuchen mich nachts gern Krämpfe und natürlich tuen auch der Hintern oder andere „delikate“ Stellen weh, die sich ans stundenlange Sitzen auf einem Fahrradsattel erst gewöhnen müssen.

Was sonst ist noch schmerzhaft? Nun Mückenstiche oder andere Insektenstiche und -bisse können es sein, oder zumindest unangenehm, sowie Sonnenbrand und natürlich Stürze (die ich zum Glück lange nicht hatte) oder andere abenteuerliche Begebenheiten: In Schweden bin ich den Wanderweg auf der Halbinsel Kullen „gefahren“. Ich wollte einfach dem Verkehr auf der Straße entgehen. Auf der Südseite ging das gut, da der Weg dort rollstuhlgerecht ausgebaut war. Auf der Nordseite war er das nicht, was mir aber erst später bewusst wurde. So schob ich „Trekkie“, wie ich mein Fahrrad manchmal nenne, über Stock und Stein und sammelte mit meinen nackten Beinen den einen oder anderen Dornen von diversem Gestrüpp ein. Auf dem nächsten Rastplatz habe ich mir unter den verwirrten Blicken anderer Reisender mit einer Pinzette eine recht hübsche Sammlung verschiedenster Dornen und Stacheln  wieder aus der Haut „gezupft“.

Nun, der tatsächlich größte Schmerz ist jedoch der, der in mir selbst liegt. Wo auch immer er herkommt, warum auch immer er da sein mag – Geschichten dazu sind bestimmt zahlreich und komplex. Er ist einfach da. Mal gar nicht präsent und dann mal alles einnehmend.

„Wo die Achtsamkeit Schmerzvolles berührt, verwandelt sie es in Liebe und heilt es.“ – ist der zweite Satz von im Artikel Schönheit erwähnter Karte einer Freundin. Lustigerweise steht er so gar nicht auf der Karte, aber so habe ich ihn mir eingeprägt und wenn ich mich innerlich prüfe, entspricht er meiner Wahrheit. Puh, was für eine große Herausforderung er doch darstellt!

Ich stelle fest, dass mir jeder körperlicher Schmerz lieber ist, als den Schmerz meiner eigenen inneren Konflikte zu spüren.

Schmerz ist wichtig. Er zeigt mir, dass ich, körperlich wie seelisch, an dieser Stelle nicht heil bin und ich noch lernen darf, mich ihm liebevoll zuzuwenden um ihn aufzulösen. So eine Tour bietet mir dafür viele, physisch praktischerweise meist kleinere, Übungsmöglichkeiten – um dann für die wirklich großen Herausforderungen gewappnet zu sein.

Die Achtsamkeitspraxis unterscheidet zwischen „Schmerz“ und „Leid“. Der Schmerz ist etwas, dem wir Menschen nicht entgehen können, der uns in unserem Dasein unvermeidlich widerfährt: wie z.B. der Verlust eines geliebten Menschen oder das Erfahren von Krankheit.

„Leid“ hingegen ist das, was wir draus machen. Also vor allem, was wir darüber denken. Denke ich bspw. „Immer ich!“ und „Das wird ja nie was.“ oder vielleicht auch „das geschieht mir recht“, dann kreiere ich Leid. Und verschlimmere damit meinen Schmerz, anstatt ihn aufzulösen.

Die Kunst ist, das eine oder andere in einer schmerzhaften Situation oder auch Phase überhaupt erst einmal zu erkennen. Es macht nichts, wenn das erst später gelingt. Hier, so finde ich, hat der Spruch „lieber später als nie“ volle Berechtigung. 🙂

Bild: (c) outdoorschoko, aufgenommen in Schweden, Juni 2016

Advertisements

6 Gedanken zu “Schmerz

  1. Sehr schön geschrieben. Mir scheint es manchmal, dass Schmerzen anzunehmen oder dankbar für die Schmerzen zu sein, ein Mittel zur Auflösung von Leid sein könnte, dass das eigentliche Wegrennen vor den Schmerzen das eigentliche Problem ist. Werd gleich mal schauen, was Du noch so geschrieben hast!

    Gefällt 1 Person

  2. Ja, das sehe ich auch so. Wegrennen, nicht wahr haben wollen, wegdrücken… all das begünstigt eine eher leidvolle als heilende Entwicklung. – Und kommt irgendwann verstäkt im späteren Leben wieder auf einen zurück. Sich irgenwann Zeit nehmen und sich mit Schmerz und ggf. anderen „Schattenanteilen“ wie dunklen Gedanken und ungünstigen Gewohnheiten auseinandersetzen kann nur gut sein. Sie wollen gehört und gesehen werden und haben eine wichtige Botschaft für uns. So zumindest meine derzeitige Einstellung dazu. 🙂

    Gefällt mir

    1. Hallo Nikolai, stimmt, ich glaube, mein Nickname „Outdoorschoko“ lässt in erster Linie vermuten, dass es sich um ein reines Outdoorblog handelt. Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Tatsächlich helfen mir zahlreiche Outdooraktivitäten beim Umsetzen des Lebenswandels. Vielen Dank für dein Feedback, viel Spaß beim Schmökern und dir auch viele bereichernde Naturerlebnisse. Man liest sich. 🙂

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s