Die Macht der Gedanken

„Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten,
sie fliehen vorbei,
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen.
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei.“

So lautet die erste Strophe des Volksliedes „Die Gedanken sind frei“. Auch wenn ich Schulsingen nicht sonderlich mochte, aber dieses Lied liebte ich schon als Kind: hatten diese Verse doch offenbart – und augenscheinlich als menschliche Fähigkeit auch irgendwo legitimiert – was ich im Unterricht nur allzu gern zu tun pflegte: Die Gedanken auf Wanderschaft schicken.

Die Radreise sollte mir vor allem auch dazu dienen, anstehende Veränderungen im meinem Leben und die nächsten Schritte nochmal gründlich zu durchdenken: Ist der geplante berufliche Wechsel von Betriebswirtschaft zu Landwirtschaft (das ist mein neues, erklärtes Selbstverwircklichungsziel. Natürlich ökologische Landwirtschaft. 😉) wirklich der Herzenswunsch, oder laufe ich vielleicht vor irgendetwas davon? Wie geht es weiter nach meinem Urlaub, was sind die anstehenden konkreten Schritte? Denn so super genau wusste ich das noch nicht.

Ich weiß nicht, ob ich die Fähigkeit, die Gedanken selbstständig auf Wanderschaft zu schicken in der Schule nur allzu gut trainiert hatte, es die aktuellen Umstände waren oder generell einfach zu viel los ist im Kopf: die Gedanken auf dem Rad waren generell irgendwo, aber nur recht selten da, wo ich sie haben wollte. Vielleicht ist der eigene Anspruch an die eigene „Gedankenkontrolle“ nach nicht mal einjähriger Meditationspraxis auch zu hoch. Oder die Gedanken freuten sich ihrer neugewonnen Freiheit auf dem Rad, da sie sich nun nicht mehr hochkonzentriert irgendwelchen hochkomplexen Exceltabellen aus dem Controlling widmen mussten. Was ich auch tat, sie rissen mir permanent aus. Mein „Affengeist“, wie er in der Achtsamkeitspraxis auch genannt wird, hatte Hochkonjunktur. Das hatte auch zur Folge, dass die Tage auf dem Rad gefühlt fast noch schneller vergingen als der bisherige Alltag.

Vor allem stelle ich im Nachhinein fest, wie sehr ich mich doch von nur einem Menschen aus der Bahn bringen lasse. Habe ich in den letzten Tagen an der Arbeit anlässlich meines Ausscheidens von gefühlt 100 Menschen übermäßig viel Wertschätzung und Anerkennung bekommen, brachte mich nun ein Mensch, der mich per Mail mit vielfältigen Vorwürfen und Verurteilungen konfrontierte, völlig aus dem Konzept und von der vorherigen „Überschwemmung“ an Wertschätzung und Aufmerksamkeit spürte ich kaum mehr etwas.

Oder doch? Gut möglich, dass das Loch, in das ich fiel, ohne die Entwicklung, die ich in den letzten Monaten hatte, noch viel größer, tiefer und dunkler gewesen wäre und ich somit ein vielfaches an Zeit benötigt hätte, um da wieder raus zu kommen. So gelang es mir dann doch, zum Ende der Radtour nach 3 Wochen, nahezu meinen Frieden damit schließen zu können, dass mich jemand anders sieht, als andere und als ich mich selbst.

Der Austausch mit meinen Freunden hat mir dabei sehr geholfen sowie Meditation und auch die für mich sehr treffenden Texte der Facebook-Community „Wort Spuren“ haben oft heilende Wirkung auf mich in dieser Auseinandersetzung.

Hier einer dieser Texte mit einer kleinen Erläuterung der Autorin:

Einladung zum Weggehen

Mein Vertrauen
zerbricht auch dann nicht
wenn du mich
wieder einmal
entwürdigst

Meine Liebe
lässt sich nicht
durch Unterstellung
unlauterer Motive
besudeln

Mein Blick
nicht trüben
und seist du noch so
rücksichtslos
und ungerecht

Wenn du es nicht tust
lass es mich versuchen
den Blick in den Spiegel
das ewige Du
im ewigen Ich

Lehren wir einander
nichts
in den eigenen Tiefen
lohnt sich die Suche
nach den wahren Schätzen.

Mit Entsetzen
erkenne ich
dazu mein Freund
brauche ich dich
nicht.

© M.C.H.
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Dieser Text ist zwar älter, passt aber gerade zur Zeitqualität.

Oft frage ich mich, inwieweit kann man Verantwortung übernehmen dafür, wie ein Gegenüber uns empfindet.
Ich stelle einmal mehr fest, ich habe keinen Einfluss auf die Weltbilder meiner Mitmenschen. Ich kann sie nur einladen, mein Weltbild zu betrachten, mehr steht mir nicht zu.
Wer die Welt verachtet wird früher oder später auch mich verachten, damit ist zu rechnen.
Groll oder Reue für die Zeit vorher, ist vertane Zeit.
Und wenn ein Weg unbegehbar wird, dann nehme ich eben einen Anderen, eigentlich ist es einfach.

Sich begegnen heisst , sich selbst begegnen, in einer anderen menschlichen Form.
Nichts ist wertvoller und bereichernder, nichts ist schlimmer und schmerzhafter.
Doch um Nichts auf dieser Welt möchte ich auf Begegnung verzichten.

 

Quelle: https://www.facebook.com/Wort-Spuren-921950151166706/?rc=p

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Titelbild: (c) outdoorschoko, aufgenommen in Dänemark, Juni 2016

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